Wer ist die Frau im Hintergrund?

Oder: Wie Frauen aus dem Windschatten von Männern treten können.

Im Februar wurde ich eingeladen, ein Interview für einen Podcast zu geben. Die freundliche Redakteurin leitete ein: „Sagen Sie bitte am Anfang: >Guten Tag, Herr Müllerschön*< denn es ist sein Podcast, und ich bin nur die Redakteurin und führe das Interview mit Ihnen.“

Dieser Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf: „Ich bin hier nur die Redakteurin.“ Ohne Worte. Wir sind im 21. Jahrhundert und dann das? Wer als Redakteurin qua Arbeitsvertrag Verwertungs- und Nutzungsrechte auf den Arbeitgeber überträgt, erhält das monatliche Entgelt als Ausgleich. Dass Artikel namenlos bleiben und damit die Autorin im Dunkeln, ist nun mal „part of the deal“. Kann man so verhandeln.

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau

Doch wieder einmal hat eine Frau – vielleicht unbewusst – das Klischee bestätigt, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine Frau steht. Für manche Frauen mag es „normal“ sein, Schattenarbeit zu übernehmen und Männern zu dienen. Das >nur< hat mich so entsetzt, weil sie damit nicht ihre Rolle erklärt, sondern gleichzeitig dieselbe abgewertet hat.

Ich weiß nicht einmal welchen Anteil besagte Redakteurin am Zustandekommen des Podcasts hat, ob sie das Thema recherchiert, die Interviewpartner:innen gefunden, sich Fragen überlegt oder gar das ganze Konzept erarbeitet hat. Und ich weiß auch nicht wie sie sich damit fühlt oder ob ihr das gar nicht wichtig ist, weil ich sie daraufhin nicht angesprochen habe.

Sichtbarkeit ist für viele Frauen ein großes Thema

Frauenfallen lauern überall. Sichtbarkeit ist für viele Frauen ein großes Thema und treibt auch mich um. Durch gesellschaftliche Konditionierungen und internalisierte Selbstmanipulationstechniken stellen wir Frauen uns oft selbst ein Bein. Und weil mich dieses Thema schon seit vielen Jahren beschäftig und (leider) immer noch aktuell ist, konzipiere ich mit meiner Kollegin Eva Lindhorst eine Online-Workshop-Reihe für Frauen, in der wir innere und äußere Konditionierungen bewusst machen und Tipps geben, wie Frauen ureigene Ziele finden und auch umsetzen können, wie sie sich schlagfertig und souverän behaupten und gegenseitig stärken können.

Gehört, gesehen und geachtet werden

Wünschen sich nicht alle Frauen gehört, gesehen und geachtet zu werden? Wäre es nicht erstrebenswert Anerkennung, Aufmerksamkeit und Akzeptanz zu erhalten, ohne darum ringen zu müssen? Wie würde es sich anfühlen, wenn es ganz selbstverständlich wäre?

Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Vor fast 50 Jahren veröffentlichte Margot Schröder ihren Roman „Ich stehe meine Frau“. Der Titel ist Programm und auch heute aktuell. Nur wenn wir souverän auftreten, uns selbst wertvoll, wichtig und würdig finden und unsere Frau stehen, werden wir wahrgenommen.

Neue Verhaltensweisen einüben

Klar, es kommt auf die eigene innere Haltung an, ob Frauen sich nehmen, was ihnen zusteht, sich behaupten und für sich einstehen. Doch nicht nur. Denn wir sind alle geprägt und konditioniert durch unsere Umwelt. Deshalb ist es eine gute Idee, sich mit den eigenen Mustern und Beschränkungen auseinander zu setzen, den „Triggern“ auf die Spur zu kommen und neue Verhaltensweisen einzuüben.

Vielleicht würde sich besagte Redakteurin dann selbstbewusst vorstellen: „Ich bin Sarah Groß*, die Redakteurin des Podcasts, und führe mit Ihnen das Interview“. Das macht vielleicht noch nicht den großen Unterschied, ist jedoch ein erster Schritt, um aus dem Windschatten von Männern zu treten, die wissen wie sie sich gut positionieren.


*Name geändert

Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht? Schreibt uns gerne.

Selma Reese ist Dipl. syst. Coach (ECA) und Trainerin mit Schwerpunkt Karriere-Coaching, Berufsorientierung und Existenzgründungsberatung. Sie moderiert Workshops, hält Seminare u.a. zur Persönlichkeitsentwicklung und Selbstmarketing und berät darüber hinaus Fach- und Führungskräfte.

Mehr Informationen unter info@selma-reese.de.

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