Die Kleinunternehmer-Regelung: Hilfe und Falle

In diesem Beitrag teile ich meine persönliche Sicht auf die Kleinunternehmer-Regelung und wie ich diese nutze. Dieser Beitrag stellt keine Rechtsberatung dar und ist keine offizielle Stellungnahme des Netzwerks.

Als ich im Januar 2018 meinen Blog startete, wollte ich einfach nur meine Gedanken zur Geburtskultur loswerden. Daraus wurde ein Kleinunternehmen. Der Blog ist nach wie vor wichtig; das Geld verdiene ich aber auch mit Auftragstexten — im Bereich Geburtsgeschichten und in anderen Bereichen.

Als ich beschloss, mir mit dem Blog neben meiner Tätigkeit als Angestellte ein zweites Standbein aufzubauen, war ich für die Kleinunternehmerregelung sehr dankbar.

Ganz einfach ausgedrückt bedeutet die: Wenn ich weniger als einen bestimmten Betrag im Jahr verdiene (2022 liegt die Grenze bei 22.000€), weise ich auf Rechnungen keine Umsatzsteuer aus, brauche keine Umsatzsteuervoranmeldung zu machen und kaufe meine nötigen Materialien einfach ganz normal im Geschäft ein. Außerdem muss ich keine Bilanz erstellen, sondern lediglich eine einfache Einnahmen-Überschuss-Rechnung erstellen.

Oder, noch mehr vereinfacht: Ich brauche mich kaum um die Buchhaltung zu kümmern und kann mich stattdessen mit dem Inhalt meiner Selbstständigkeit beschäftigen. Und genau das habe ich getan.

Dieses Jahr kratze ich an der Grenze der Kleinunternehmerregelung. Aber ich werde drunter bleiben, wenn alles so weiter läuft, wie bisher.

Für 2023 stellt sich also die Frage: Wie mache ich weiter? Beschränke ich meine selbstständigen Einnahmen auf das, was ich 2022 erreicht habe, und bleibe somit weiter innerhalb der Kleinunternehmer-Regelung?

Oder versuche ich, den Umsatz und den Gewinn zu steigern? In diesem Fall dürfte ich 2023 trotzdem noch die Kleinunternehmer-Regelung anwenden, solange ich nicht mehr als 50.000€ einnehme. Allerdings gilt das Jahr dann als Übergangsjahr. Und nach dem Übergangsjahr folgt die Regelbesteuerung — ob ich will oder nicht. Und unabhängig von den Umsätzen, die ich 2024 erreichen würde.

Und so startete das Gedankenkarussell…

Vorteile der weiteren Einhaltung der Kleinunternehmer-Regelung

  • Weniger Buchhaltungsaufwand: All die komischen Steuerregeln sind mir egal. Ich schreibe einfach immer den berühmten Kleinunternehmer-Paragraphen in meine Rechnung, und fertig. Umsatz- und Vorsteuerregelungen sowie die Umsatzsteuervoranmeldung ignoriere ich.
  • Die Angestellten-Tätigkeit bleibt die Haupteinnahmequelle: Und damit werde ich eine Menge Aufwand los, was Krankenversicherung, Rentenversicherung und andere Sozialleistungen angeht. Das trägt nämlich alles noch mein Arbeitgeber.
  • Einfache Steuererklärung: Klar. Ich brauche weiterhin nur meine Einnahmen-Überschuss-Rechnung. Easy-Peasy. Wenig Aufwand.
  • Brutto = Netto: Was meine Kund*innen zahlen, landet bei mir. (Okay, die Einkommenssteuer geht dann irgendwann runter. Aber sonst nix.)

Nachteile der weiteren Einhaltung der Kleinunternehmer-Regelung

Die Nachteile lesen sich auf den ersten Blick weniger konkret. Okay, bis auf den ersten Punkt:

  • Mehr Einkommen: Ich kann mehr verdienen. Mein Einkommen ist also höher.
  • Ich verschenke Steuern: Ja, Deutschland ist vielleicht komplizierter als andere Länder, wenn es um Steuern geht. Und ich will auch nicht Steuern zu meiner Hauptbeschäftigung machen. Aber die Kleinunternehmerregelung bewirkt auch, dass ich mich davor drücke, mich mit Steuerthemen auseinanderzusetzen. Das ist bequem. Aber wie viel ich an Steuern sparen könnte, wenn ich es ordentlich machte, bleibt in den Sternen.
  • Ich schrecke Firmen als Kundschaft ab: Diese können keine Vorsteuer absetzen, und das ist für Firmen auf Dauer nicht lukrativ.
  • Ich drücke mich vor meiner Vorsorgesituation: Ohne Kleinunternehmer-Regelung müsste ich mich viel schneller damit auseinander setzen, wie ich meine soziale Vorsorge gestalte.
  • Ich gehe nicht „all-in“. Bisher ist die Selbstständigkeit eben nur das zweite Standbein. Und vor schwierigen Entscheidungen oder Investitionen drücke ich mich, weil es ja eben nicht so wichtig ist. Ich knicke bei der Alltagsplanung ein, wenn die Frage ist, ob ich einen Termin abends machen kann. Ich professionalisiere meine Abläufe nicht. Und ich werbe lang nicht so offensiv, wie ich das tun könnte, für meine Dienste.
  • Die Außenansicht eines Hobbys: Die Kleinunternehmerregelung sagt nichts darüber aus, wie viel Zeit ich in die Selbstständigkeit investiere. Sie sagt auch nichts über meine Motivation, mein Können oder meinen Stundenlohn aus — oder darüber, wie wichtig die Einnahmen für meine Familie sind. Dennoch wirkt die Kleinunternehmer-Regelung nach Außen immer wie eine nette Freizeitbeschäftigung, die auch noch ein wenig Geld bringt.

Der richtige Zeitpunkt für den Sprung

Wann ist also der richtige Zeitpunkt für den Sprung? Wann überwiegen die Vorteile der Regelbesteuerung diejenigen der Kleinunternehmer-Regelung?

Momentan weiß ich noch nicht, was 2023 kommen wird. Klar, die Kinder werden älter und es fällt mir leichter, lange Arbeitstage einzuschieben. Und ja, auch meine Preise gehen beständig nach oben. Dazu kommen einige spannende neue Projekte, die demnächst anlaufen.

Andererseits war die freiberufliche Tätigkeit im März 2020 „selbstverständlich“ (!?) das Erste, was ich im Lockdown heruntergefahren habe, um Homeoffice (für den festen Job) und Home-Schooling und Home-Betreuung und Home-Partnerschaft und Home-Katze (okay, für die war es cool, sie durfte raus) unter einen Hut zu bringen.

Wer weiß, was uns diesbezüglich 2023 bevorsteht.

Und dennoch: Wenn ich jetzt darauf achte, die Kleinunternehmerregelung auf jeden Fall einzuhalten, bedeutet das auch: Ich halte mich zurück. Und das will ich nicht mehr. Ich habe mich in den vergangenen Jahren immer wieder zurückgehalten. Es waren meine eigenen Entscheidungen, und ich bereue sie nicht. Jetzt bin ich dagegen an dem Punkt angekommen, an dem ich sie bereuen würde.

Natürlich werde ich mich ärgern, wenn ich Ende 2023 genau 22,500€ verdient habe und damit ab 2024 in die Regelbesteuerung falle, ohne 2023 zur Vorbereitung genutzt zu haben.

Aber es gibt ja einen guten Plan, um das zu verhindern: Erstens bereite ich meine Selbstständigkeit einfach schon früh genug auf den Übergang vor — wenn er dann wirklich nicht käme, dann wäre ich halt zu früh bereit. Auch okay. Und zweitens nehme ich mir vor, die Grenze nicht nur knapp, sondern sichtbar zu übertreten.

Klar kommen dann all die neuen Themen und klar bringt das auch wieder finanzielle Belastungen. Es bringt aber auch eine neue Freiheit: Denn dann gibt es nach oben keine Grenze mehr beim Einkommen.

Huch, das klingt ganz schön verwegen — oder gar abgehoben?

Kann schon sein.

Unternehmerin sein bedeutet für mich genau das: Die Freiheit, die eigenen Ziele zu bestimmen und den Weg dorthin. Der ist nicht immer samtweich — siehe Lockdown –, und dennoch immer mehr das, was ich will. Weil es bedeutet, dass ich das tun kann, wofür ich brenne. Und nicht das, wovon andere glauben, es wäre gerade wichtig.

Auf dem Weg dahin war die Kleinunternehmer-Regelung zu Anfang eine große Hilfe. Sie war eine Stütze. So langsam wird sie zum Korsett. Also nehme ich mir vor, es abzulegen. Ob sanft oder mit einem Ruck, werden wir sehen.

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